Kathrin Bode

Der Kater, der vom Himmel fiel (Kurzgeschichte)

Der Kater, der vom Himmel fiel

Angefangen hatte es Ostern vor einem Jahr. Meine Mutter und ich waren im Garten, als wir hinter unserer Hecke ein ganz klägliches Miauen hörten.
Das Miauen gehörte zu der Katze unseres Nachbarn. Er hatte zwei Katzen. Die eine war eine sehr Menschenbezogene Katze. Die andere war eine Wildkatze. Sie war inzwischen 14 Jahre alt und in all diesen Jahren hatten wir sie nur ein paar mal gesehen. Und bei diesen Begegnungen fauchte sie. Passend war daher ihr Name. Raufi.

Es war also Raufi, die hinter unserer Hecke saß und miaute. Als sie dann nach einigem Rufen zu uns in den Garten kam erkannten wir sie kaum wieder. Sie war abgemagert bis auf die Knochen.
Unter Miauen und dann auch Fauchen gaben wir ihr etwas zu fressen. Und noch etwas.
Damit war für sie die Sache klar (und für uns auch): sie kam regelmäßig, bis zu drei mal am Tag um sich was zu fressen abzuholen. Im Sommer lag sie manchmal schon morgens um 6 Uhr vor unserer Terrasse und wartete. Oder sie schlief Nachmittags bei uns im Garten.
Mit der Zeit ließ sie sich anfassen und wie überrascht waren wir, als wir merkten, dass sie sogar schnurren konnte.
Aus dieser eher zufälligen Osterbegegnung wurde richtige Freundschaft. Sie freute sich, wenn sie uns sah und kam angesprungen. Wir freuten uns, wenn wir sie bei uns im Garten entdeckten.
Dementsprechend traurig waren wir, als wir sie Anfang Oktober 2003 tot unter ihrer Lieblingstanne im Garten fanden. Das war an einem Samstag Vormittag. Wir konnten es gar nicht glauben. Nun würde keiner mehr den Gartenweg entlang gesprungen kommen. Keine Katze würde sich über die übrig gebliebene Sahne freuen. Sie würde nicht mehr morgens vor der Terrasse liegen. Es fehlte etwas. Jemand. Eine Katze. Unsere Freundin.

Raufi schien das dort oben im Katzenhimmel ähnlich zu empfinden.

Eine Woche später, auch ein Samstag Vormittag. Meine Mutter und ich wollten in die Stadt fahren und machten uns auf den Weg zum Bahnhof. Weit waren wir gar nicht gekommen. Grade mal bis um die nächste Ecke. Da saß er. Ein Kater.

Vier Tage zuvor hatte ich ihn das erste mal gesehen, doch er lief weg. Drehte sich aber immer wieder zu mir um. Gewundert hatte ich mich schon, denn eigentlich kenne ich alle Katzen hier in der Gegend. Ihn aber nicht. Gewundert hatte ich mich, aber nicht all zu sehr.

Und da saß er nun, mitten auf dem Fußweg und putzte sich. Ich meinte noch zu meiner Mutter, als wir auf ihn zugingen, dass er eh gleich weglaufen würde. Aber von wegen. Ich sagte nur „Hallo Kater“ und er schaute mich an und stellte sich an mein Bein. Meine Mutter lachte und ging weiter. Da ging er zu ihr. Ich wollte weitergehen. Er kam wieder zu mir. Dieses Spiel ging noch einige Zeit weiter. Bis wir merkten, dass wir so garantiert nie beim Bahnhof ankommen würden. Also drehten wir um. Der Kater lief weiterhin mit uns mit. Manchmal blieb er ein paar Schritte hinter uns, nur um dann urplötzlich ganz schnell an und vorbeizulaufen. Aber aus den Augen ließ er uns nicht.
So kamen wir in unserem Garten an. Der Kater bekam etwas zu fressen und wir konnten endlich in die Stadt.
Als wir zurück kamen war er immer noch da.

Auch am nächsten Morgen war er noch da. Als er mich sah kam er miauend unter der Tanne hervor, unter der er die Nacht verbracht hatte und verlangte ein Frühstück. Den ganzen Sonntag blieb er in unserer Nähe, erkundete die Gegend, jeden Baum, jeden Nachbarn mit einer Freude, die an Wiedersehensfreude grenzte.

Da es Nachts nun wirklich nicht mehr warm war überließen wir ihm einen Kellerraum. Er sprang sofort durch das offene Fenster und legte sich auf die Decke und schlief ein.

Niemand schien ihn zu vermissen. Sämtliche Erkundigungen blieben erfolglos. So nahmen wir die Sache in die Hand. Ließen in impfen, kastrieren. Nachts schlief er im Keller, morgens sprang er wieder aus dem Fenster raus und durchstreifte sein Revier. Allerdings nicht ohne zwischendurch regelmäßig vorbeizuschauen.

Und so ist das auch heute noch. Man kann die Uhr nach Felix (so heißt er nun) stellen. Und er macht uns so viel Freude. Wir freuen uns, wenn er den Gartenweg entlang gesprungen kommt. Wenn er seine Sahne frisst. Kuscheln kommt. Miauend auf der Terrasse steht. Und Abends wie ein kleines Katzenbaby in sein Körbchen fällt.

Schade, dass Felix nicht erzählen kann, woher er kommt. Denn es ist schon etwas – wunderlich. Fast auf die Stunde genau eine Woche nachdem wir unsere Raufi begraben hatten taucht dieser kleine Fratz auf und weicht uns nicht mehr von der Seite.